BOTSCHAFT

BOTSCHAFT

BOTSCHAFT

Erste Beobachtung: Diese Platte klingt wie unter Wasser aufgenommen. Zweite Beobachtung: Alles auf „Musik verändert nichts“ klingt sehr homogen. Ein ganz eigener Sound, kobaltblau und kirchengelb, oder wie Neil Young (auf den sich bei Botschaft alle einigen können) mal sagte: „It’s all one song“. Dritte und letzte Beobachtung: Keine deutsche Band macht momentan Musik, die auch nur entfernt an Botschaft erinnert. Um eine ungefähre Entsprechung zu finden, muss man zurückgehen ins Jahr 1998, als die Gruppe Go Plus ihre LP „Largo“ veröffentlichte, die damals dem ein oder anderen Kritiker gefiel und unter anderem mit einem „Song for Brian“, einem Lied für Brian Wilson, glänzte.

Doch wie klingen Botschaft auf ihrem Albumdebüt „Musik verändert nichts“? Der Gesang von Malte Thran, der als einziges Bandmitglied in Berlin wohnt, ist stellenweise wunderbar effeminiert und zärtlich, die sehr konkreten Texte, mehrheitlich von Thran geschrieben, könnte man als melancholisch bezeichnen – oder als bloße, bis ins Detail ausgearbeitete Schilderungen der Verhältnisse (und als rücksichtslose Kritik dieser Verhältnisse), in denen wir gezwungen sind, zu leben. Keine Hoffnung, die durchschimmert und keine Liebe als Antwort auf irgendetwas: „Schöne Idee“, ein Lied über die Liebe, wird nicht gut ausgehen. Ganz klar: Es geht ums Scheitern – und dies ganz sicher nicht im Sinne von „Scheitern als Chance“. Auch für die Texte gilt: Niemand sonst schreibt heute so etwas wie „Treptower Park“ oder „Trotzdem“. Die Musik: Soft Rock, Yacht Rock, höflicher Gitarren-Pop, mit „Indie“ hat das nichts zu tun. Es ist ein lockerer, leichter Klang, deren Lyrics mit der Art der Musik brechen. In „Atom“ gibt es ein kurzes, schüchternes Gitarren-Solo, Botschaft haben drei Gitarristen (wie Iron Maiden), die ähnlich ökonomisch und sensibel spielen wie Peter Tiedeken (Ex-Robocop Kraus, Ex-Station 17, Thai Wolf) den Bass bedient.

Was Botschaft nicht bedienen, ist die Idee von einfachen Lösungen, von Utopien. Botschaft beschreiben ihre eigenen Biographien („Sozialisiert in der BRD“, „Hinter dem Haus“) und fangen damit auch die Härten ein, die man in der Kindheit und Jugend hinnehmen musste und die bis heute Einfluss auf unser Leben nehmen. Im formidablen Video zu „Sozialisiert in der BRD“ spricht die Erinnerung: Schlingensief, Boris Becker, Henry Maske, Rudi Völler, Stefan Raabs „Vivasion“ und Frank Spilker mit Zahnlücke, „Piratensender Powerplay“, Springsteen, Nina Hagen und die „Mini Playback Show“. Eine Jugend, beschädigt, noch naß und glänzend vom Tau der Vergangenheit. Botschaft wollen veranschaulichen, was wahr ist und, durchaus in Brechtscher Manier, etwas Aufklärendes singen (wozu dann wieder der Bandname der Hamburger passt). Während der Aufnahmen zu „Musik verändert nichts“ hörte die Band fast ausschließlich Joni Mitchell und Steely Dan. Und so erschütternd wie ein guter Steely-Dan-Song ist auch „Daseinszweck“: „Wenn sie morgen aufwacht, ist er weg / Das schönste Gefühl / Begründet keinen Daseinszweck“. Ein bröckelndes Reich, ein klimatisierter Alptraum in 34 Zeilen. Jetzt Botschaft hören!

Jan Wigger

Die neue Hamburger und Berliner Gruppe „Botschaft“ ist eine Popband, die diese subjektivistische Beliebigkeit durchkreuzt und nichts mit dem unverkrampften Versöhnungspop zu tun hat, der als Kompensation für eine schlechte Wirklichkeit fungiert. Sie ließe sich am ehesten in die Tradition dessen stellen, was in den Achtzigerjahren spitzfindig als Sophisti-Pop bezeichnet wurde: Musik, die sich affirmativ und ungebrochen auf Pop bezieht und gleichzeitig einen elaborierten Anspruch an Songwriting, Harmonieführung und Songtexte erhebt. Folgerichtig gilt Dilettantismus für Malte Thran, Peter Tiedeken, Nils Kempen und Holger Lüken als eine Rechtfertigungsideologie. Ihre Songs klingen nicht dahingeschludert und ihre Texte, die sollen – mal direkter, mal metaphorischer – Einsichten und Reflexionen vermitteln. Ihnen zugrunde liegen mit wissenschaftlicher Penibilität erlangte Bestimmungen der Realität und so wird zur zentralen Herausforderung, was gemeinhin als Frage übergangen wird: Wie können Begriffe von Gesellschaft und ihrer Kritik, wie kann Herrschafts- und Kapitalismuskritik in einer ästhetischen Form existieren, ohne dass Begrifflichkeit oder Ästhetik in einen Widerspruch zueinander treten? Kurz: Wie können die klassischerweise konfligierenden Kategorien Schönheit und Wahrheit zusammenfallen?

Diese Fragestellung legt bereits nahe, dass sich Tiedeken und Thran über den neomarxistischen Diskurs kennenlernten, aus dem sich der Wille zur theoretischen Agitation in Songform wie von selbst ergab. Thran, theoretisch beflissen, an der Gitarre versiert und doch zeitlebens ohne Band, und Bassist Tiedeken, musiktheoretisch bewandert, Sänger bei Thai Wolf sowie ehemaliges Mitglied so vieler und verschiedener Bands wie Station 17, The Robocop Kraus und Saboteur, merkten schnell, dass sie ein gutes Team ergeben würden: Thrans zumeist groben Songskizzen und analytischen Textminiaturen werden von Tiedeken mit seinen aufeinander eingespielten Weggefährten Kempen am Synthie, ebenfalls bei Station 17 und Thai Wolf, und Lüken am Schlagzeug, der auch bei Tusq und Wait Wait spielt, aufgegriffen, durcharrangiert und in Form gebracht.

Auf ihrer ersten Veröffentlichung, einer 7“-Schallplatte auf dem Augsburger Label „Kleine Untergrund Schallplatten“, lässt sich dieser Ansatz nachvollziehen. Ihre Songs handeln zum Beispiel vom Fehler der Selbstverwirklichung als einer Strategie zur Harmonisierung mit dem Zwang zur Lohnarbeit oder von der systemnotwendigen Konkurrenz und wie sie sich in die Psyche und somit in zwischenmenschliche Beziehungen und alle anderen Lebensbereiche einschreibt. Der Band geht es um eine Ideologiekritik, die es ernst meint, die nicht moralisch argumentiert, sondern allein plausible Argumentation gelten lässt. Gefühle interessieren die Band „nur“ als das, was sie sind: Bezüge zur Welt, in der auch ihre Ursachen zu suchen sind. Die gängige Entgegensetzung von irrationalem Gefühl und gefühlloser Vernunft wird so als Verklärung entlarvt. Subjektiviert geäußerte Kritik ist die Sache der Botschaft nicht: Der Feind sind stets die gegebenen Verhältnisse, in denen die Schädigungen des Menschen stattfinden. Und das gilt es, den Menschen zu erklären.
Bei derlei Denkerei können einem selbstverständlich Irrtümer unterlaufen. So liegt es im Wesen der Sache, dass auch die Texte der Botschaft Einsprüche gestatten: Aber wer die Botschaft dissen will, der braucht halt die plausibleren Argumente.

"Wenn man sich schon Botschaft nennt, macht es Sinn auch eine zu haben: Die so betitelte, erst in diesem Frühjahr 2016 gegründete Band hat das: Malte Thran, Peter Tiedecken (Ex-Station 17 und The Robocop Kraus), Nils Kempen (Ex-Station 17 und Saboteur) und Holger Lüken (Ex-Tusq) sehen sich in der Sophisticated Pop-Tradition der 80er, Namen wie Scritti Politti und die Smiths werden als Referenzen genannt. Tatsächlich verstehen es Botschaft, ähnlich wie ihre Vorbilder, anschmiegsamen Synth-Pop mit Gesellschaftskritik zu verschmelzen. Das ist zwar nicht sonderlich neu – man denkt unweigerlich an Die Sterne und die ganze poppigere Schiene der sogenannten Hamburger Schule – aber dennoch gut gemacht. Das Stück »Niederlage« behandelt den Einzug der Konkurrenz in moderne Liebesverhältnisse und die daraus resultierende Wahrnehmung des Scheiterns in ebensolchen Verhältnissen als persönlichen Fehler." (SPEX)

weiterlesen...

PRESS PHOTOS


by Dennis Dirksen

DATES


Date Country City Venue
Dec 28, 2018 DE Hamburg Knust

# w/ Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Dec 29, 2018 DE Berlin Bi Nuu

# w/ Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

“Musik verändert nichts” Tour 2019
Feb 07, 2019 DE Berlin Schokoladen

# Record Release Show w/ Scharping

Feb 09, 2019 DE Hamburg Hafenklang

# Record Release Show w/ Lafote

Feb 22, 2019 DE Bamberg Pizzini
Feb 23, 2019 DE Offenbach Hafen2
Mar 28, 2019 DE Braunschweig Nexus

# w/ Lafote

Mar 30, 2019 DE Augsburg Grandhotel Cosmopolis

# KUS Fest

Apr 12, 2019 DE Kiel FahrradKinoKombinat
Apr 13, 2019 DE Bochum Dampfgebläsehaus

# Tapete Labelabend w/ Kala Brisella & Trucks