BOTSCHAFT

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Über einige Voraussetzungen, die Band „Botschaft“ zu verstehen
von Philipp Wulf

Wie lassen sich die Sätze so singen, dass sie Erkenntnis ermöglichen? Das ist eine Frage, die in der Popmusik gemeinhin als redundant gilt und es mitnichten ist. Es herrscht eine allgemeine Übereinkunft darüber, dass die Inhalte von Pop – Gefühle und Meinungen – sich Gültigkeit verschaffen über das Ich, das da singt und empfindet und meint. Gefühle werden uns präsentiert als Naturgewalten, denen das Ich unterworfen ist: Es hadert mit der Welt, mit sich, mit anderen und am allermeisten mit der Liebe. Da könnte es doch niemand wagen, die Wahrhaftigkeit dieser Gefühle anzuzweifeln. Und wer würde dem singenden Poeten, der sich in seinem Leid den Glauben an das Gute in der Liebe und im Leben bewahrt, denn auch sagen wollen, dass er sich seine ach so individuellen und deswegen stets beliebigen Verse auf die Welt bar jeglicher analytischen Bestimmung zurechtsingt? Dieses Ich gibt sich meist auch als moralisches, dann ist zwar Raum für Widerspruch gegeben, aber bloß so: Die Richtung des Zeigefingers wird umgedreht, eine weitere Meinung stellt sich ebenbürtig neben die erste. Über die Stimmigkeit einer subjektiven Perspektive, so scheint es, lässt sich nicht streiten. In seltenen andersgearteten Fällen bedient sich der Textschreiber der Verfahren hermetischer Lyrik. Solche Texte behandeln entweder auf verstellte Art die gleichen Themen oder sie pochen auf die Unverständlichkeit und lassen die Rezeption herausholen, was gar nicht bewusst hineingelegt wurde.

Die neue Hamburger und Berliner Gruppe „Botschaft“ ist eine Popband, die diese subjektivistische Beliebigkeit durchkreuzt und nichts mit dem unverkrampften Versöhnungspop zu tun hat, der als Kompensation für eine schlechte Wirklichkeit fungiert. Sie ließe sich am ehesten in die Tradition dessen stellen, was in den Achtzigerjahren spitzfindig als Sophisti-Pop bezeichnet wurde: Musik, die sich affirmativ und ungebrochen auf Pop bezieht und gleichzeitig einen elaborierten Anspruch an Songwriting, Harmonieführung und Songtexte erhebt. Folgerichtig gilt Dilettantismus für Malte Thran, Peter Tiedeken, Nils Kempen und Holger Lüken als eine Rechtfertigungsideologie. Ihre Songs klingen nicht dahingeschludert und ihre Texte, die sollen – mal direkter, mal metaphorischer – Einsichten und Reflexionen vermitteln. Ihnen zugrunde liegen mit wissenschaftlicher Penibilität erlangte Bestimmungen der Realität und so wird zur zentralen Herausforderung, was gemeinhin als Frage übergangen wird: Wie können Begriffe von Gesellschaft und ihrer Kritik, wie kann Herrschafts- und Kapitalismuskritik in einer ästhetischen Form existieren, ohne dass Begrifflichkeit oder Ästhetik in einen Widerspruch zueinander treten? Kurz: Wie können die klassischerweise konfligierenden Kategorien Schönheit und Wahrheit zusammenfallen?

Diese Fragestellung legt bereits nahe, dass sich Tiedeken und Thran über den neomarxistischen Diskurs kennenlernten, aus dem sich der Wille zur theoretischen Agitation in Songform wie von selbst ergab. Thran, theoretisch beflissen, an der Gitarre versiert und doch zeitlebens ohne Band, und Bassist Tiedeken, musiktheoretisch bewandert, Sänger bei Thai Wolf sowie ehemaliges Mitglied so vieler und verschiedener Bands wie Station 17, The Robocop Kraus und Saboteur, merkten schnell, dass sie ein gutes Team ergeben würden: Thrans zumeist groben Songskizzen und analytischen Textminiaturen werden von Tiedeken mit seinen aufeinander eingespielten Weggefährten Kempen am Synthie, ebenfalls bei Station 17 und Thai Wolf, und Lüken am Schlagzeug, der auch bei Tusq und Wait Wait spielt, aufgegriffen, durcharrangiert und in Form gebracht.

Auf ihrer ersten Veröffentlichung, einer 7“-Schallplatte auf dem Augsburger Label „Kleine Untergrund Schallplatten“, lässt sich dieser Ansatz nachvollziehen. Ihre Songs handeln zum Beispiel vom Fehler der Selbstverwirklichung als einer Strategie zur Harmonisierung mit dem Zwang zur Lohnarbeit oder von der systemnotwendigen Konkurrenz und wie sie sich in die Psyche und somit in zwischenmenschliche Beziehungen und alle anderen Lebensbereiche einschreibt. Der Band geht es um eine Ideologiekritik, die es ernst meint, die nicht moralisch argumentiert, sondern allein plausible Argumentation gelten lässt. Gefühle interessieren die Band „nur“ als das, was sie sind: Bezüge zur Welt, in der auch ihre Ursachen zu suchen sind. Die gängige Entgegensetzung von irrationalem Gefühl und gefühlloser Vernunft wird so als Verklärung entlarvt. Subjektiviert geäußerte Kritik ist die Sache der Botschaft nicht: Der Feind sind stets die gegebenen Verhältnisse, in denen die Schädigungen des Menschen stattfinden. Und das gilt es, den Menschen zu erklären.
Bei derlei Denkerei können einem selbstverständlich Irrtümer unterlaufen. So liegt es im Wesen der Sache, dass auch die Texte der Botschaft Einsprüche gestatten: Aber wer die Botschaft dissen will, der braucht halt die plausibleren Argumente.

"Wenn man sich schon Botschaft nennt, macht es Sinn auch eine zu haben: Die so betitelte, erst in diesem Frühjahr 2016 gegründete Band hat das: Malte Thran, Peter Tiedecken (Ex-Station 17 und The Robocop Kraus), Nils Kempen (Ex-Station 17 und Saboteur) und Holger Lüken (Ex-Tusq) sehen sich in der Sophisticated Pop-Tradition der 80er, Namen wie Scritti Politti und die Smiths werden als Referenzen genannt. Tatsächlich verstehen es Botschaft, ähnlich wie ihre Vorbilder, anschmiegsamen Synth-Pop mit Gesellschaftskritik zu verschmelzen. Das ist zwar nicht sonderlich neu – man denkt unweigerlich an Die Sterne und die ganze poppigere Schiene der sogenannten Hamburger Schule – aber dennoch gut gemacht. Das Stück »Niederlage« behandelt den Einzug der Konkurrenz in moderne Liebesverhältnisse und die daraus resultierende Wahrnehmung des Scheiterns in ebensolchen Verhältnissen als persönlichen Fehler." (SPEX)

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DATES


Date Country City Venue
Aug 04, 2017 DE Friedland Jenseits von Millionen Festival
Aug 05, 2017 AT Hannover Zum Stern
Oct 14, 2017 DE Bremen Lagerhaus

# w/ Schrottgrenze