DIE KERZEN

DIE KERZEN

DIE KERZEN

Die Kerzen sind die Pop-Sensation aus deutschen Landen. Genauer gesagt, aus Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Nun, Pop ist ein weites Feld, daher lohnt die Präzisierung: Der Popentwurf der Kerzen kreist mindestens um die Pole Dream-Pop, Blue Eyed Soul und New Romantic. Alles Styles und Gattungen, die dank General Midi, MTV, VHS, Fanzines und Modezeitschiften bereits in den Achtziger Jahren populär wurden.

Die Kerzen – namentlich Felix Keiler, Jelena von Eisenhart Rothe, Fabian Rose und Lucas Wojatschke - haben das goldene Popjahrzehnt aus Gründen später Geburt nicht miterlebt. Sie kennen die besagten Styles aus Second-Hand-Läden und dem Internet.

Doch Die Kerzen sind beherzte Spürnasen und versierte Pop-Autodidakten. Sie kennen Bananarama eben nicht nur als Stock, Aitken & Waterman-Produkt, sondern bereits als Background-Sängerinnen aus Terry Halls Fun Boy Three. Sie haben die Popgeschichte von der Jukebox bis in die Cloud in sich aufgesogen in der Mecklenburgischen Diaspora, in der es über viele Jahre außer Kneipenabstürzen in Peters Pub und Filmen mit Al Pacino keine nennenswerten kulturellen Alternativen gab: Hits schreiben statt Abfrusten!

Lucas, Felix und Fabian machen schon seit Kindheitstagen gemeinsam Musik. Als Jelena Baden-Würtenberg verließ und die vorpommer’sche Tristesse zum Zielort ihres Exils wählte, traf sie - mit Querflöte - auf die drei anderen. Das markiert den Beginn der Gruppe Die Kerzen.

„Blue Jeans“ heißt ihr lässig zurückgelehnter Album-Opener, der der Hose der Halbstarken ein slickes Ständchen widmet. Was Die Kerzen neben ihrem komplett selbst-produzierten, funky New-Wave-Pop-Update auszeichnet, sind ihre pointierten Texte zwischen coolem Wissen und deutschem Provinzpopvokabular, in dem wie im Song „Saigon“ der DJ im Berghain schon mal ganz selbstverständlich zum Tanz aufruft. Wie auf Tante Ernas 60. Geburtstag. Bei den Kerzen blenden Dorfdisco und urbane Clubkultur ineinander über in ein hochinteressantes Sittengemälde unserer Zeit (In the Mix!).

Ja, all is here full of love. True Love.

Und wenn die Hormone ausrasten, dann heißt es am Ende von „Saigon“ plötzlich „Japan Indonesien”. Nicht weil es zwingend einen Sinn ergibt, sondern weil es so gut klingt.
Die Kerzen bedienen sich im Popsupermarkt mit großer Leichtigkeit und durchmischen die Zutaten wie es ihnen gefällt. Eben weil sie sich mit alldem so gut auskennen. Und wenn es sich kurz mal komisch in der Magengrube anfühlt, dann ist es mindestens ein Guilty Pleasure.
Also Fun, Fun, Fun und genau das, was coole Musique mit dem Haarbürsten-Mikro vor dem Schmink-Spiegel oder in der Toc-Toc-Gruppe mit den Friends immer schon war und sein sollte! Pop ist schließlich unser aller magischer wie mysteriöser Super-Ort, von dem niemand ausgeschlossen werden sollte. Everybody needs schließlich somebody: Bei den Kerzen ist Pop keine hyperironische Selbstvermarktungstechnik, sondern immer noch ein großes Versprechen.

Auf dem Covergemälde von Helmut Kraus, Freund*innen des Labels Staatsakt bekannt durch die Cover für Der Mann bis Andreas Dorau, sehen wir Die Kerzen als Binge-Watcher auf der Leder-Couch herumlungern. Als Vertreter*innen ihrer Generation, die der Autor Michele Serra in seinem gleichnamigen Roman liebevoll „Die Liegenden“ genannt hat.
Aber diese extrem-smarten Mid-Twenties kriegen doch erstaunlich viel gebacken, wie man in den Achtziger Jahren noch zu sagen pflegte. Neben dem Musikgeschäft wird in Kürze tatsächlich eine eigene Modelinie folgen. Jelena von Eisenhart Rothe ist schließlich nicht nur Musikerin, sondern auch Modedesignerin.

Berlin ist die Stadt, die sie im letzten Song „Solarium“ besingen. Die ganze Großstadt-Tristesse steckt in diesem Lied, die sich leider oft auch nicht besser anfühlt als die Kleinstadt-Wurstigkeit. Als hätten sie bereits viele bis alle Berliner Winter durchlebt. Wie gut nur, dass sie immer wieder raus aus der Hauptstadt kommen. Ihr Studio befindet sich immer noch in Ludwigslust.

Im letzten Song „Solarium“ besingen sie die ganze Großstadt-Tristesse von Berlin, die sich leider oft auch nicht besser anfühlt als erlebte Kleinstadt-Klischees. Wie gut nur, dass sie auch etwas melancholisch schönes darin sehen, wenn die nassen Pflastersteine von Neukölln die Lichter von Werbeanzeigen, Autoscheinwerfern und Ampeln reflektieren. Denn dort sind mittlerweile alle vier hingezogen, um das große Pop-Versprechen einzuhalten. Die Kerzen zu ignorieren wird in nächster Zeit keine einfache Aufgabe.

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Date Country City Venue
Sep 12, 2020 DE Bochum Die Trompete

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