DIE REGIERUNG

DIE REGIERUNG

DIE REGIERUNG

„Was soll das?“, der vielleicht größte Hit in deutscher Sprache mit dem Adverb Was im Titel. „Was ist was“, die große Nerd-Lektüre der Babyboomer-Generation. Was not was?! Na, everybody walks the dinosaur. Wobei die englische Entsprechung zum deutschen „Was“ ja eher „What“ ist. „Say, captain, say what!“ Wie oder was auch immer: Tilman Rossmy und seine Band Die Regierung veröffentlichen am 25.03.2019 ihr sechstes Studioalbum mit dem Titel „Was“.
Nach der Essener Post Punk Sensation „Supermüll“, den legendären Hamburger Jahren auf „So allein“, „So drauf“, und „Unten“ sowie dem überraschenden Comeback-Album „Raus“ aus dem Jahre 2017 wird die Messlatte in Sachen schmallippiger Album-Titel nochmal ein paar Meter in den Himmel geschraubt. Warum der Musiker und Maler Jakobus Durstewitz (JaKönigJa, Die Vögel) ausgerechnet einen Mond zu „Was“ malen musste, wissen wir nicht. Das Bild lässt uns beim Anblick der LP jedenfalls an den Star Wa(r)s Mond Endor denken. Ja, „Was“ ist durchaus einen spacige Platte geworden. „Geräumig“ würde ja keiner sagen.
Erstaunlich viele Synthesizer und Flächen, die einen eher an ein Düsseldorf der 70er Jahre denken lassen, als an ein Hamburg der 90er Jahre. Zum ersten Mal spielt auch Ivica Vukelic an der Gitarre auf den Aufnahmen mit. Und Die Regierung hat einen neuen Schlagzeuger: Alexander Fürst von Lieven. Ansonsten hören wir Robert Lipinski am Bass, Ralf Schlüter am analogen Synthesizer und Piano sowie Tilman Rossmy als der große Geschichtenerzähler mit den wenigen Akkorden.

„Was“ ist das, was man eine autobiographische Platte nennen könnte. Sie handelt von Nervenzusammenbrüchen und Geistern. Und den ewig Verflossenen. Die ja auch alle Geister sind. An dieser Stelle Geister zu gendern, also Geister*innen zu schreiben, konstruiert im Kontext von Die Regierung am Ende doch wieder nur eine heterosexuelle Beziehungsgeschichte. Bleiben wir also einfach bei den Geistern.
Ja, was sind das nur für Geister? Und wo kommen sie her? Die meisten kennen wir schon seit unserer Kindheit. Wobei: So richtig vorgestellt haben sie sich nie. Sie suchen uns immer wieder auf. Meist ungebeten! Ein „Was ist was“-Buch zum Thema „Geister“ gab es jedenfalls nicht.
Aber „Was“ handelt auch vom Glück. Von Rossmys Entscheidung nach Hamburg zu ziehen zum Beispiel. Und dort in der Musikszene Menschen zu begegnen, die schon von ihm gehört hatten. Das Gefühl, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Das vielleicht größte Glücksgefühl überhaupt. Wenn wir es dann noch mit jemanden teilen können. Und wie dann alles wieder zerbricht. Zerfließt. Und dann der Regen, der alles wieder wegspült. Und sich immer wieder der alten Zeit hinterher zu sehnen. Ihr hinterher zu reisen. Und mit der Zeit den Menschen, die einst in ihr wohnten. Zurück in das Land, in dem die Dichter sich nicht interessieren für den Reim, wie Tilman Rossmy so schön singt. Aber sowieso immer weiter und dann singt die Regierung vom Himmel herunter mit ihren Engeln und verspricht uns: „Für alles was Du verlierst, findest Du was Besseres“ Ja, da war es wieder, dieses „was“. Das, was uns im Leben gutes Gefühl schenkt. Und das Risiko, sich wieder einmal auf das große Versprechen der Liebe einzulassen. Noch in vielen Jahren werden sich die Leute davon erzählen, was für ein schönes Paar sie doch waren. Bloß das Paar selbst, musste als Paar feststellen, dass die Chemie eben doch nicht so stimmt. Dann begeben sich beide wieder zurück in die Welt und ihren Attraktionen. „Ich mach mich bereit, für die Enttäuschungen“ singt Rossmy in einer Lloyd Cole'schen Entspanntheit auf der Suche nach dem Auge der Hurricanes, in dem es bekanntlich extrem windstill und trocken ist. Von der Unmöglichkeit der Ereignislosigkeit
„Was“ führt uns wieder und wieder zurück an die Anfänge des Lebens. Von denen es in jedem Leben womöglich unzählig viele gibt. Dahin, wo unserer Erinnerungen einst angefangen haben zu blühen. Und dorthin, wo sich die eigene Biografie vermischt mit den vielen gelebten Illusionen. Mit Stimmen aus früheren Leben, von denen wir teilweise nicht einmal mehr wissen, ob wir es waren, die sie gelebt haben. „Was“ spielt offenbar dort, wo unser Leben immer romanhafter wird.
Dass der Physiker und Songwriter Rossmy in seinen Liedern Derridas Theorie der Hauntology näher und näher ins Private rückt, dürfte am Ende genauso wenig ein Zufall sein, wie der besagte Mond auf dem Cover, den wir nachts allein anheulen können. Die Regierung weiß, was los ist. Und sie weiß, was gut für uns ist.

(Maurice Summen, Staatsakt)

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by Christoph Voy

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