DIE REGIERUNG

DIE REGIERUNG

DIE REGIERUNG

Wie das so ist mit großen Jubiläen: Zuerst überlegt man ewig, ob man überhaupt hingehen soll, dann sucht man verzweifelt nach Ausreden, und später findet man sich sturzbetrunken im Kreise alter Weggefährten in den Armen alte Gassenhauer singen.So ähnlich muss es 2015 für Tilman Rossmy und seine Band Die Regierung gewesen sein. Das Berliner Film- und Musik-Label „Play Loud“ hatte anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums des wegweisenden Postpunk-Albums „Supermüll“ von Die Regierung die Band gebeten, in Originalbesetzung eine kleine Tournee zur Albumveröffentlichung zu spielen. Wie man das heutzutage so macht im Wiederveröffentlichungsgeschäft.Auf dieser Tournee stellten die Musiker dann aber glücklicher Weise fest, dass es sich für alle noch extrem gut und richtig anfühlt zusammen Musik zu machen und es doch eigentlich zu schade wäre, sich jetzt wieder für eine halbe Ewigkeit nicht mehr wiederzusehen...Die Regierung – ohnehin ein ewiger Sonderfall der Hamburger Schule. Man wird wohl kaum einen Musiker in Deutschland aus der Zeit finden, der sie nicht wenigstens wegen ihres Albums „Unten“ verehrt. Aber wie Tilman Rossmy es selbst heute gerne sagt: „Die haben damals bei LADO mehr Promo-CDs von uns verschickt als CDs verkauft“.Während sich Tocotronic damals gerade ihr Trainingsjacken-Polaroid-Image für die Generation X zurechtscheitelten, Die Sterne die Nähe zu Madchester und Hip-Hop suchten und Blumfeld Alben zum deutschen Pop-Diskurs verfassten, waren Die Regierung damals vielen zu schnoddrig und eigenwillig und klangen eher nach Americana-beeinflusster Indierock-Musik aus Übersee, als nach postmodernem Diskurs oder neustem MTV-Pop.
Und Rossmy, der nächstes Jahr 60 Jahre alt wird, war sozusagen sitzen geblieben in der Schule, also immer ein paar Jahre älter als die anderen. Und hatte seine eigene Popsprache schon einige Jahre vor seinem Umzug nach Hamburg gefunden. Und neben seiner Musikkarriere noch ein Physik-Studium zu Ende gebracht. Aber bleiben wir bei der Musik.Das Album „Supermüll“ wurde im Jahr 1984 aufgenommen, allerdings noch in Rossmys alter Heimatstadt Essen, und gilt für Experten der deutschen Postpunk-Historie als Meilenstein! Und „Unten“ für nicht wenige als unerreichtes Meisterwerk der deutschsprachigen Popmusik aus dem Hamburg der Neunzigerjahre.
Nun also kommt – Supermüllgeburtstag sei Dank! - ihr 4. Studioalbum in über 30 Jahren Bandgeschichte heRAUS. In der (Essener) Originalbesetzung.Und was soll man sagen?! RAUS ist ein würdiges Alterswerk geworden, das man sich schöner nicht hätte ausmalen können. Die Regierung erzählen uns, wie sie sich ein letztes Mal ins Schweinwerflicht stellen („Wieder von vorn“), mit welchem Gefühl sie damals das Show-Geschäft verließen („Bemerkenswerte Menschen“) lassen uns an gedanklichen Was-wäre-gewesen-wenn-Spielen teilhaben („Konjunktiv 2“), covern lässig Lloyd Cole und noch lässiger Klee und schreiben ein tragisch komisches Lied über die eigene Lebenserwartung („30 Jahre mehr“), bevor sie sich am Ende durch den Hinterausgang wieder aus dem Staub machen: RAUS!

Es gibt bis heute niemanden in deutscher Pop-Sprache, der gleichzeitig so sperrig und flüssig dichten kann wie Tilman Rossmy. Beim ersten Hören beschleicht einen oft das Gefühl, man höre dem Dichter am Tresen beim Denken zu, einiges scheint noch unausgegoren, der Text noch nicht auf den Punkt, aber dann bleibt der Text – und nach und nach brennt sich jeder einzelne Satz ins Gedächtnis und wächst einem für immer ans Herz. So ein großes Talent zum Songschreiben hat man eben oder hat man nicht.

Es ist ja eh der größte Verdienst eines Lyrikers, das Schwere, das Unerträgliche, die Last des Lebens mit ein paar Worten federleicht zu machen. Und wenn die Lyrik das tut ohne sich vorher maßlos aufzublähen um zu zeigen: Guck mal, hier komm ich, ich bin die Lyrik, dann ist es doch oft am allerschönsten! Tilman Rossmy kann ganz offenbar mehr Widersprüche aushalten als die meisten von uns zusammen! Dass vermutlich, weil er nicht nur Musiker, sondern auch Physiker ist....

Produziert hat das Album übrigens der auch in Essen geborene Norman Nietzsche (The Whitest Boy Alive, Masha Qrella, Chuckamuck) in Berlin. Bisher einzigartig im Regierung-Kosmos, wie viele alte Synthesizer plötzlich in der Regierungs-Gitarrenwand im Sound mäandern. So, als hätte auch das unbedingt noch einmal RAUS gemusst.

Wir sind jedenfalls mächtig stolz darauf RAUS (nur echt mit Jakobus Siebels-Artwork) auf staatsakt 2017 zu veröffentlichen.

Oder um es mit Tilman Rossmy zu sagen: „Eine Regierung-Platte auf staatsakt musste einfach noch gemacht werden!“

Es grüßt: Maurice Summen

p.s.: Wir übergeben an dieser Stelle an einen Songwriter-Kollegen aus der Hamburger Schule, Abteilung „Fast Weltweit“, mit Namen Frank Spilker von Die Sterne:

 

Die Regierung und später die Solo Alben von Tilman Rossmy waren in den neunziger Jahren ein selbstverständlicher Bestandteil der so genannten Hamburger Schule. Etliche Jahre nachdem der Sänger sich „französisch verabschiedet“ hat, wird (2015) das Debut Album der Band aus dem Jahr 1984, „Supermüll“, wieder herausgebracht und zwingt die Band dazu, die Sache mit dem Abschied zurückzunehmen, weil sie sich selbst so gut findet. Nach meinem Besuch des Reunion-Konzerts im Hamburger Knust, kann ich das nur bestätigen: Lange habe ich sie vermisst, diese großen emotionalen Momente, die Tilman Rossmys lakonische wie weltkluge Geschichten im Zusammenklang mit der Musik erschaffen. Das Ganze ist definitiv mehr als die Summe seiner Teile, und die Herren beschließen am Ende ihrer Tour: „Ohne Regierung geht es nicht weiter.“ Das Ergebnis halten Sie in den Händen: „Raus.“Der Sound ist schon mal die erste Überraschung: Die beständigen und als Markenzeichen der Band eingetragenen Achtel-Bässe werden von munter zwischen die Schläge verteilten Special-Effects flankiert. Den Produzenten Norman Nitzsche und Ralf Schlüter gelingt damit das Kunststück, die raue Unmittelbarkeit der Regierung der achtziger Jahre mit den Werkzeugen heutiger Technik trickreich in die Gegenwart zu überführen. Es ist eine Neuerfindung der Mittel, aber nicht des Klangerlebnisses. Der Sänger nuschelt einem wie immer vertraut aus der Mitte der Aufnahme direkt ins Ohr. Alles ist so geblieben wie erhofft und trotzdem komplett neu.Aus dieser Mitte kommen dann die Erzählungen. Tilman macht eigentlich nichts anderes, als zu erzählen und dabei die eigene Lebenswirklichkeit zu einem Songtext zu verdichten, so wie die großen Songschreiber das getan haben: Hank Williams, June Carter oder Dolly Parton. Folk. Warum er mit der Musik aufgehört hat. Warum er von Hamburg aus in den Süden gezogen ist und was die anderen die ganze Zeit gemacht haben. Wie es so ist mit der Familie und dem Job und wie die Zukunft sich immer weiter verfinstert, wenn man älter wird.

Ich fühle mich direkt angesprochen von Zeilen wie:

„Du hast immer weiter gekämpft nicht wahr (…) für deinen Platz im Geschäft und ist es nicht ein Witz, dass man es so nennt? Irgendwie haben wir alle gedacht da draußen ist viel mehr Kundschaft mit einem Interesse an der eigenen Geschichte, an Geschichten von bemerkenswerten Menschen…“

Und dann sagt er noch, das ich ein bemerkenswerter Mensch wäre und ich möchte entgegen halten: „Ich habe keinen Sponsor!“, weil das auch in dem Lied vorkommt. So sehr kann man sich gemeint fühlen. In der letzten Strophe springt Tilman direkt zu einem Patti Smith-Konzert 1977, zitiert sie mit Worten: „Außerhalb der Gesellschaft warten sie auf dich“ und bringt das Stück damit auf eine andere Ebene, zu der Frage: Warum macht man das überhaupt mit der Musik? Warum nimmt man das auf sich. So wird aus der vermeintlich einfachen Nacherzählung des Erlebten große Kunst.Das Geheimnis dieser Kunst besteht vor allem in der Genauigkeit, mit der diese Sätze ausgewählt worden sind. Jedes Wort ist ein Stützpfeiler, kein einziges könnte man weg lassen. So entsteht ein Gefühl von Nähe und Authentizität – und die emotionalen Momente der Lieder. Das macht man nicht einfach so. Das ist ein Riesentalent.Am Ende des Albums steht Gevatter Tod vor der Tür und man möchte denken, spätestens jetzt muss es doch peinlich werden. Aber nein: „Die neue Zukunft heißt Erinnerung. Unsere Gegenwart ist eure Zukunft. Hebt eure Gläser und trinkt auf uns, denn wir sind auf dem Weg nach draußen.“

- Frank Spilker

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